Wat is Missingsch?

Missingsch ist eine Mischsprache, deren Ursprung in Norddeutschland liegt. Das Umfeld war ein solches, in dem niederdeutsche Muttersprachler mit der deutschen Sprache zu einem späteren Zeitpunkt im Leben in Kontakt traten und diese daher nicht mehr als native Muttersprache erlernen konnten. Meistens passierte der erste Kontakt in der Schule oder Kirche. Die kritische Phase des natürlichen Spracherwerbs war oft schon in einem solchen Maße überschritten, dass Deutsch nicht mehr als eigenes Sprachsystem erlernt werden konnte. Stattdessen kam es dazu, dass die Grammatik, Aussprache und Pragmatismus der eigenen, niederdeutschen Muttersprache auf das Vokabular des Deutschen angewandt wurde. Dies ist ein typischer Vorgang bei Mischsprachen. Auch die sprachgeschichtlich nähere Verwandtschaft beider Sprachen war gewiss ein treibender Faktor hierbei.

Sehr oft wurden auch viele niederdeutsche Substratwörter in das Missingsch mit aufgenommen, zum Beispiel wenn das Deutsche keine passenden Wörter hatte, weil der Bedeutungsumfang oder die Konnotation nicht passte. Sprichwörter, Sprachusus und Satzbau wurden daher auch maßgeblich aus dem Niederdeutschen übernommen und lehnübersetzt.

Da der Prozess des Sprachwechsels von Niederdeutsch als Hauptsprache des öffentlichen Lebens hin zu Deutsch ein schleichender war und verschiedene Städte auf unterschiedliche Weise betraf, gab es eine Vielzahl von Missingsch-ähnlicher Mischsprachen, von Danzig über Kiel bis nach Münster. Auch in Flensburg findet sich mit Petuh eine Mischsprache aus Niederdeutsch, Dänisch, Südjytländisch und Deutsch.

Es gab vor allem zwei Settings, die maßgeblich zum Entstehen des Missingsch geführt hatten. Das waren zum einen die Schulen, da hier monolinguale Niederdeutschsprecher das erste Mal auf Deutsch trafen, wohingegen vorher für viele noch Niederdeutsch die einzige Umgangssprache in der Familie und Nachbarschaft war. In der Schule wurden sie dazu gezwungen, Deutsch zu sprechen, während ihnen das Niederdeutsche verboten blieb. Wann genau dies anfing, ist sehr schwer auszumachen. Das Deutsche gewann immer mehr Bedeutung in Plattdüütschland nachdem die Hanse gefallen ist. Inwieweit es sich dann auf die Schulen und die Alltagssprache ausgebreitet hat, ist nicht genau bekannt und es wird ein schleichender Vorgang gewesen sein. Der für uns wichtigste Zeitabschnitt ist aber vor allem spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Phase hatte das heutige Missingsch maßgeblich geformt und ist die Variante, die noch heute von älteren Generationen gesprochen wird. In manchen Regionen, vor allem Ostfriesland und mancherorts in Schleswig-Holstein, wo sich Niederdeutsch als Öffentlichkeitssprache länger hielt, ließen sich diese Umstände der Sprachentstehung (Glottogenese) aber auch noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg finden. Ein zweites wichtiges Setting war die Kirche, da in vielen Regionen Plattdüütschlands der erste Kontakt mit dem Deutschen erst in der Kirche stattfand.

Diese beiden Settings sind heutzutage nirgends mehr zu finden, da jedes der wenigen muttersprachlichen Kinder des Niederdeutsch bilingual mit dem Deutschen aufwächst. Daher gibt es keine Menschen mehr, die auf die gleiche Weise wie damals Missingsch erlernen. Zudem haben viele, die zuerst eine sehr starke ‚Urform‘ des Missingsch sprachen, mit den Jahren immer mehr Elemente (sowohl phonologisch als auch grammatikalisch) aus dem Deutschen erlernen können und haben diese aufgenommen. Somit sieht ihr Missingsch heute sehr viel ‚deutscher‘ aus, mit nur noch einigen Regionalia und Sprachverfärbungen aus dem Niederdeutschen. Es gibt daher ein sehr großes und feingliedriges Kontinuum zwischen Missingsch und der deutschen Standardsprache.

Als Kunstform hat sich Missingsch allerdings dennoch erhalten. So zeigt das Ohnsorg-Theater neben niederdeutschen Stücken hin und wieder auch welche in einer Art Hamburger Missingsch. Auch einige (meist niederdeutsche) Autoren haben Werke in Missingsch veröffentlicht, oft auch in überspitzter Form. Auch die Werner-Comics enthalten oft drei Sprachen: Niederdeutsch, Deutsch und Missingsch.

Auch wenn die Umstände nicht mehr gegeben sind für das Missingsch und es wahrscheinlich in 20 Jahren mit seiner letzten Generation Muttersprachler komplett ausgestorben sein wird und nur noch ‚Erinnerer‘ hat, ist seine enge Verbindung mit der niederdeutschen Sprache nicht zu vernachlässigen. Gerade in der Sprachgeschichte des Kontaktes und Sprachwechsels zum Deutschen war Missingsch immer ein wesentlicher kultureller Bestandteil des niederdeutschen Alltages. Stolze Niederdeutschsprecher lehnten das Deutsche ab und nannten Versuche dieses zu sprechen, meist in Form von Missingsch, gerne „geelsnacken“. Andere nutzten das Missingsch gerne als Identitätsmerkmal, nicht selten auch neben dem Standarddeutschen. Für andere wiederum, die das Niederdeutsche nicht mehr erlernt hatten, war das Missingsch die einzige Möglichkeit, sich sprachlich an die niederdeutsche Kultur anzunähern und sich mit ihr zu verbinden.

Obwohl Missingsch alle Kriterien einer Mischsprache erfüllt, ist es nie sonderlich in den Fokus der Kontaktsprachwissenschaft gerückt und wurde daher auch nie ausführlich beschrieben. Bis auf wenige Annekdoten und linguistischen Hinweisen finden wir nichts. Diese Seite soll daher zum einen Kontaktstelle sein für eventuelle Fragen, aber auch ein Ort sein, an dem die ‚Urform‘ des Missingsch, noch einmal besondere Beachtung findet und als Sprache mit eigenem Daseinsrechts, eigener Orthographie und eigener Grammatik dargestellt wird – als Reminiszenz an diesen Geschichtsabschnitt niederdeutscher Sprachgeschichte und -kultur.