Die Neumissingsche Schreibweise verfolgt zwei Hauptziele:
- Zum einen soll das Neumissingsch möglichst nahe der tatsächlichen Aussprache sein und diese soll sich direkt aus der Schrift ableiten lassen.
- Andererseits soll es aber auch möglich sein, so viele Ableitungen morphologischer Art vom Schriftbild wie möglich machen zu können, sodass nicht unzählige Nebenform auswendig gelernt werden müssen.
Um dieses Ziel zu erreichen, werden verschiedene Zeichen und Diakritika genutzt, um eventuelle Reflexe eines Lautes zu markieren, der zum Beispiel in der Grundform nicht hörbar ist, aber in abgeleiteten Formen wieder zutage tritt. Da Missingsch mehr als Deutsch oder Niederdeutsch je nach Kontext Laute neutralisiert, assimiliert oder verändert, ist es wichtig, im Schriftbild diese dennoch zu kennzeichnen, um es Lernenden einfacher zu machen, verschiedene Formen abzuleiten. Es nützt nichts, zu einem Lexem wie einem Verb, diverse allomorphe Formen zu lernen, wenn es dekliniert oder konjugiert wird. Deshalb soll die Schrift sowohl Aussprache als auch morphotaktisches Verhalten bestmöglichst repräsentieren. Hierzu ein Beispiel:
Es werden Plosive am Ende eines Stammes von der Infinitivendung verschluckt, wohingegen diese sich aber an den Artikulationsort dieses Plovises anpasst. Das heißt, dass das missingsche Wort für „harken“ /haː.ʔŋ/ ausgesprochen wird. Das <r> wird silbenfinal zu einem /a/, ein stimmloser Plosiv löst einen Glottalverschlusslaut aus, die Infinitivendung {-n} übernimmt aber den velaren Artikulationsort des ursprünglichen /k/s. Das heißt, obwohl kein /k/ zu hören ist, kann man anhand der Assimilation des /n/s erkennen, welcher Laut zugrunde liegt. Daher schreiben wir die missingsche Form für „harken“ <hââ’ñ>. Der Zirkonflex gibt den Reflex des /r/s wieder, das silbenfinal zu /a/ wird, die Infinitivendung wird <ñ> geschrieben, im Verbund mit einem Apostroph für den Glottalverschlusslaut. Bei assimilierten, stimmlosen Plosiven wird ein Glottalverschlusslaut produziert. Ist der verschluckte Plosiv allerdings stimmhaft, wird der Nasal danach zwar genauso assimiliert, aber kein Glottalverschlusslaut produziert. Dazu wird dann der Mittelpunkt zur Silbentrennung geschrieben, durch den ersichtlich wird, dass hier ein /g/ und kein /k/ zugrunde liegt: das deklinierte Adjektiv „argen“ (einen argen Morgen) wäre /aː.ŋ̩/ in Missingsch, mit einem syllabischen /ŋ̩/. Wir schreiben dies <ââ·ñ>. Die Silbentrennung ist wichtig, um zu sehen, dass es sich um zwei Silben handelt und somit um zwei Morpheme, ein Apostroph zur Markierung kommt nicht in Frage, da es bereits zur Markierung eines phonematischen Glottalverschlusslautes genutzt wird, und gerade bei Suffixen auf der Basis von {-n} auch als Indikator für einen Silbenwechsel steht. Bei dem Wort für „Gang“, zum Beispiel, liegt nur ein Morphem zugrunde, daher wird keine Silbenmarkierung notwendig und es wird <gañk> geschrieben, das <k> dient zur Kenntlichmachung der Auslautverhärtung.
Wie man hieran sehen kann, lagen und liegen die Probleme einer Verschriftlichung des Missingsch darin, dass es sich phonologisch und phonotaktisch anders verhält als seine Ursprungssprachen. Bisherige Verschriftlichungen haben meistens inkonsequent deutsche Orthographiemittel genutzt, um ein assimiliertes, vokalisiertes /r/ wiederzugeben und haben viele Prozesse außer Acht gelassen. Denn Missingschsprecher können sich automatisch die Aussprache aus der deutschen Schrift ableiten, für Lernende und/oder Deutschsprecher oder Sprachuntersucher ist dies anders herum aber nicht der Fall. Daher setzen wir uns für eine eigene Orthographierung des Missingsch ein, die sowohl dessen eigenständigen phonologischen Besonderheiten wiedergibt, als auch Ableitbarkeit für Deutsch und Niederdeutschsprecher (zum Teil werden manche Laute historisch wiedergeben, um sie etwas leichter zu identifizieren) aber auch die einfachere Derivierbarkeit und Konjugierbarkeit ermöglicht. Diesen Spagat zu wagen, ist und war kein leichtes Unterfangen. Für konstruktive Kritik und jegliches Feedback sind wir daher stets dankbar.