Das Missingsche Konsonantensystem ist zum größten Teil Niederdeutsch basierend und beinhaltet einige Generalisierungen der deutschen Wörter, die aber nicht der deutschen Aussprache gleichen, sondern einem abstrakten Verständnis niederdeutscher Phonetik entstammen.
Insgesamt gibt es circa 28~29 verschiedene Konsonantenphoneme, die bedeutungsunterscheidend sind. Viele Laute unterscheiden sich in ihrer phonematischen Funktion je nach Stellung im Wort. So ist sowohl im Auslaut (alle Plosive und Frikative werden stimmlos) als auch im intervokalischen Inlaut (alle Plosive werden stimmhaft) oft keine Phonemfunktion von Stimmhaftigkeit zu erkennen. Diese gibt es in den meisten Fällen nur im Wortanlaut. Im Folgenden werden nicht die einzelnen Laute der Reihe nach vorgestellt, sondern ihre stellungsabhängige Realisierung, eingeteilt nach Lautkontext.
1. Wortanlaut
Im Wortanlaut ergeben sich die meisten phonematischen Unterschiede, da hier die wenigsten Laute neutralisiert werden.
/p/ vs. /b/ | Pein, Bein | [pʰɑɪn, bɑɪn] Stimmlose Plosive werden aspiriert im Wortanlaut und stehen stimmhaften (unaspirierten) gegenüber.
/t/ vs. /d/ | Teich, Deich | [tʰɑɪç, dɑɪç]
/k/ vs. /g/ | Kunst, Gunst | [kʰʊns, gʊns]
/r/ vs. /l/ | reich, leicht | [rɑɪç, lɑɪç] Wie im Niederdeutschen wird anlautendes /r/ mit der Zungenspitze produziert.
/m/ vs. /n/ | mein, nein | [mɑɪn, nɑɪn]
/st/ vs. /sp/ | (er) stand, (es) spannt | [stan, span] Wie im Niederdeutschen bleibt bei <sp> und <st> das /s/ ein solches und wird kein /ʃ/.
/f/ vs. /v/ | Pfeil, weil | [fɑɪl, vɑɪl] Das deutsche <pf> wird je nach Substrat als Frikativ (dt.) und als Plosiv (nds.) wiedergegeben.
/s/ vs. /z/ | Zeit, seit | [sɑɪt~t͡sɑɪt, zɑɪt] Auch die Affrikate /t͡s/ wird manchmal als Frikativ realisiert, dies findet aber meist nur bei älteren Sprechern statt, daher kann man /s/ als Allophon von /t͡s/ ansehen.
/z/ vs. /ʃ/ | (er) sieht, Schiet | [ziːt, ʃiːt]
/h/ vs. /ʔ/ | Haus, aus | [haʊs, ʔaʊs] Der glottale Verschlusslaut dient nicht wirklich der phonematischen Unterscheidung, ist aber dennoch im Sprachsystem vorhanden.
/f/ vs. /j~ʃ~ʒ/ | Funk, jung | [fʊŋk, jʊŋk~ʃʊŋk~ʒʊŋk] Die Missingsch-Entsprechung vom orthographischen <j> ist schwer zu beschreiben, da sie viele Allophone hat. In den meisten in Frage kommenden niederdeutsch Dialekten wird es meistens als /ʒ/ realisiert. Typisch für das Missingsch ist allerdings, dass dieser Laut stimmlos wird zu /ʃ/. In den niederdeutschen Kognaten, die ein /j/ anstatt /ʒ/ haben, wird auch im Missingsch ein /j/ gesprochen. Die Sprecher, die auch in ihrem niederdeutschen Dialekt immer /j/ haben, realisieren dieses auch so im Missingsch.
Affrikaten
/tʃ/ | Kutsche | [kʰʊt͡ʃe] Diese Affrikate wird wie im Niederdeutschen und Deutschen ausgesprochen.
/dʒ/ | Dschungel | [d͡ʒʊŋel] Diese Affrikate wird wie im Niederdeutschen und Deutschen ausgesprochen.
/s~t͡s/ | erzählen | [æˑseːln̩~æˑt͡seːln̩] Die typisch deutsche Affrikate <z> wird, wie das typisch deutsche <pf>, meist frikatisiert gesprochen, wobei nur das /s/ realisiert wird. Dies findet sich oft noch bei sehr älteren Sprechern, bei leichter Annäherung an das Deutsche, wird die Affrikate zusehends als /t͡s/ gesprochen. Für das hier postulierte Urmissingsch wird eher von der /s/-Realisierung ausgegangen.
/f/ | Pferd, (er) fährt | [fɛːt] Da die Affrikate <pf> wie (teilweise) das obige <z> im Niederdeutschen nicht vorkommt, wird sie als bloßer Frikativ /f/ realisiert. Das findet sich bei quasi allen Sprechern und ist in den norddeutschen Akzent eingegangen.
/st/ vs. /sp/ siehe oben.
2. Wortinlaut
Im Wortinlaut bedeutet meistens innerhalb eines Stammes und zwischen zwei Vokalen. Dies ist zu unterscheiden von einer Morphemgrenze, wie nach Vorsilben „bekennen“, wo das <k> als Wortanlaut zählt, nicht Wortinlaut. Gleiches gilt für Komposita wie „Tisch|bein“. An dieser Stelle kommt es zu einigen Neutralisierungen, wo die bedeutungsunterscheidende Funktion von einigen Lauten verschwindet.
Laute, die nur im In- und/oder Auslaut vorkommen
/ɾ/ vs. /r/ | Sitte, (er) sirre | [zeɾe, zere] Ein intervokales <tt/dd>, das ursprünglich ein /t, d/ nach kurzem Vokal ist, wird von vielen Sprechern mittlerweile als alveolarer Tap, ähnlich dem Zungenspitzen-/r/ realisiert. So wird das Wort „Mitte“ dann als [meɾe] realisiert.
/x~χ~ç/ vs. /g/ | machen vs. Macken, kriechen vs. kriegen | [maχn̩ vs. magn̩, kriːçn̩ vs. kriːgn̩] Manche Sprecher variieren zwischen /x~χ/, das nach hinteren Vokalen und /a/ kommt. Nach Konsonanten und vorderen Vokalen kommt /ç/.
/t͡s/ | Fratze, Geiz | [frat͡se, gɑɪt͡s] (Wenn ein Sprecher ein silbeninitiales <z> nur als /s/-Frikativ spricht, wird es hier trotzdem realisiert.)
Neutralisierung: Plosive
Plosive werden im Inlaut nicht mehr durch stimmhaft und stimmlos unterschieden. (Das ist die volkstümliche Erklärung, viel eher ist es so, dass Stimmhaftigkeit eher durch Fortis und Stimmlosigkeit durch Lenis zu erklären ist, durch Aspirierung der ’stimmlosen‘ Konsonanten. Diese binnendeutsche Konsonantenschwächung galt schon damals als vorbildlich, ist aber heute kein Bestandteil der standarddeutschen Aussprache. Für deutsche und niederdeutsche Ohren klingen Konsonanten mit Lenis ähnlich den stimmhaften, daher werden sie hier ad-hoc auch als solche transkribiert. Wenn eine genauere IPA-Transkription nötig ist, dann werden sie als [d̥, b̥, g̥] transkribiert.)
/t/ = /d/ | Seite = Seide | [zɑɪ̞̯de]
/p/ = /b/ | happig, hab‘ (ich) | [habeç]
/k/ = /g/ | Säcken, seggen | [zɛgn̩]
Vorsicht ist geboten bei den folgenden Fällen:
So hat das Wort „sinken“ kein /k/ im Inlaut, da das /k/ im Silbenanlaut der letzten Silbe steht und als Glottalverschluss realisiert wird [zeŋ.ʔŋ̩]. Außerdem sind Konsonanten nach vokalisiertem /r/ oder /l/ ebenfalls in der gleichen Lautumgebung wie intervokalische Plosive und werden auch lenisiert/stimmhaft gemacht: „Harke“ [haːge].
Progressive Assimilation
Bei einigen zwischenvokalischen Konsonantenclustern kommt es zu progressiven Assimilationen, bei denen ein zweiter Konsonant an den ersten angepasst wird. Zu beachten ist, dass manche Cluster auch entstehen, wenn ein Schwa ausfällt. Hier sind belegte Beispiele in einer ad-hoc Altmissingsch-Schreibweise genannt:
Kontinuant/Sonorant + Plosiv
<sd/st> –> <ss> | hast du > hassu, ist das > issas, musst du > mussu
<ft> –> <ff> | wissenschaftlich > wissenschafflich
<nd/nd> –> <nn> | von die > vonnie, und nu > unnu, eigentlich > eigenklich (<nk> ist der Auslaut von /ŋ/)
<ndl> –> <nn> | Verständlichkeit > Verstännichkeit
<ld/lt> –> <ll> | Gelder > Geller, bilden > billen
Sonstige
<mw> –> <mm> | haben wir > hamm wir > hamma
<ss+s> –> <ss> | dass sie > dassie (stimmlos+stimmhaft /s/+/z/)
<bm> –> <mm> | eben > eem, geben > geem
<td> –> <tt> | mit das > mittas
Anscheinend gibt es hierin dialektale Varianten. Wo im nordniedersächsischen Missingsch ein silbenfinales /r/ oder /l/ vokalisiert wird und zum Vokalsegment davor hinzugezählt wird, wird es im Kiel an das Konsonantensegment assimiliert:
<rn> –> <nn> | gar nichts > gannix
<lch> –> <chch> | solche > sochche
3. Wortauslaut
Der Wortlaut ist diejenige Umgebung, wo ein Konsonant am Ende einer Silbe gesprochen wird. Daher würde der Ausdruck „silbenfinal“ hier besser passer. Bei dem Wort „Hafen“ fällt dat /f/ an die letzte Silbe und steht somit im Anlaut. Bei dem Wort „halten“ fällt nur das /t/ an die letzte Silbe, das /l/ steht im Auslaut der ersten Silbe und unterliegt den nun geschilderten Phänomenen. Auch bei den meisten Komposita wie „Hausarzt“ endet die erste Silbe auf einen Konsonanten, da hier ein Hiatus eingefügt wird ob der verschiedenen Stämme.
Neutralisierung: Auslautverhärtung
Auch hier findet eine Neutralisierung von phonematischen Merkmalen statt, und zwar werden alle Laute außer Nasalen und Liquiden stimmlos, es gibt daher keine Stimmhaftigkeitsunterscheidung mehr.
/p/ = /b/ | (ich)
/t/ = /d/ | seit, seid | [zɑɪt]
/k/ ≠ /g/ | Diese beiden Laute sind nur im An- und Inlaut durch ihr Stimmhaftigkeitsmerkmal verschieden, im Auslaut wird ein /g/ kein stimmloses /k/, sondern ein palataler, velarer oder uvularer, stimmloser Frikativ, der mit /x~χ~ç/ zusammenfällt.
/x~χ~ç/ = /g/ | (ich) mach, (ich) mag | [maχ]
/f/ = /v/ | tief, Motiv | [(mɔʊ)tʰiːf]
/s/ = /z/ | weiß, (ich) weise | [vɑɪs]
/ʒ/ vs. /ʃ/ | Arsch, Kraasch | [aːʃ, krɑːʃ]
/tʃ/ = /dʒ/ | keine Beispiele | [t͡ʃ]
/ŋ/ = /ŋk/ | (ich) singe, (ich) sinke | [zeŋk]
Zur Vokalisierung von /r/ und /l/ im Silbenauslaut siehe Vokale – Aussprache.
4. Morphemgrenzen
Bei Morphemgrenzen kommt es nicht zu vollständiger Assimilation sondern zu partieller. Ein Nasal zum Beispiel wird im Artikulationsort an folgenden oder vorigen angepasst. Welches Ausmaß dies annimmt, hängt individuell vom Sprecher ab. Hier wird die angemessene Maximalprojektion dargestellt.
n-Assimilation
Wenn eine Endung ein /n/ hat, das unmittelbar an der Morphemgrenze steht, wird es oft im Artikulationsort an den vorigen oder nachstehenden Konsonant angeglichen:
Dental-Alveolar
Ein Nasal /n/ bleibt dental-alveolar vor oder nach /t, d, n, r, s, z, ʃ, ʒ, l/:
an-leinen > /nl/
Un-sinn > /nz/
ein-reiben > /nr/
bet-en > /tn/
hass-en > /sn/
schall-en > /ln/
(Bi)labial-dental
Ein n-Nasal wird /m/, bilabial, nach oder vor /p, b, m, f, v/:
Un-fall > /mf/
Sonnen-bad > /mb/
an-beten > /mb/
hab-en > /bm/
fünf > /mf/
trief-en > /fm/
stipp-en > /pm/
Velar
Ein n-Nasal wird velar /ŋ/, wenn er vor oder nach /k, g, ŋ, χ/
an-geben > /ŋg/
Ein-kommen > /ŋk/
Un-genau > /ŋg/
fang-en > /ŋŋ/
lach-en > /χŋ/