Vokale – Schreibung

Wie man in Vokale – Aussprache gesehen hat, besitzt das Missingsch eine Vielzahl an Vokalphonemen. Die Schwierigkeit ist es, die orthographische Repräsentierung möglichst genau und eng am eigentlich phonetischen System zu halten, gleichzeitig aber eine rein phonetische Schreibweise mit über 30 Vokalzeichen zu vermeiden, und dennoch eine morphologische Konstanz beizubehalten, damit eben von einer Grundform möglichst regelhaft so viele Formen wie möglich abgeleitet werden.

Das Prinzip ist daher: „Es gibt so wenig Grapheme wie möglich und so viele wie nötig.“

Es gibt ein paar grundlegende Regeln:
a. Wenn ein Vokal lang oder überlang ist, wird er doppelt geschrieben. Die in Vokale – Aussprache behandelten Halb- und Überlängen sind nicht phonematisch und fallen daher unter die normale kurz vs. lang Markierung.
b. Vokalisierte Konsonanten werden als Vokale geschrieben und mit dem Zeichen <^> markiert, um deren Reflex zu kennzeichnen. Dadurch wird deutlich, dass sie in den besprochenen Fällen zu einem Konsonanten werden können.
c. Allophonie wird selten markiert, hat ein Laut in einem bestimmten Kontext eine vorhersehbare andere Aussprache, so wird dies nich markiert. (Hierzu zählt auch Nasalierung zum Beispiel.)
d. Monophtonge Phoneme bekommen ein Monographem, Diphthonge ein Digraphem, dessen zweiter Bestandteil oft aus <y> besteht, außer es ist ein Reflex eines anderen Lautes.
e. Es wird sich bewusst nicht strikt an deutsche oder niederdeutsche Konventionen gehalten, um die Eigenständigkeit des Missingschs zu unterstreichen.

Folgend werden die orthographischen Zeichen in <> Klammern gesetzt und die etwaige Aussprache in // Schrägstrichen. Es wird oft auf die Nummern aus dem Kapitel Vokale – Aussprache verwiesen.

1. (a) Einfachere Schreibung: Es gibt zwei Grundgrapheme <a, ąą> für /a, aː/ und <åå> für /ɑː/. Das /aː/ tritt nur auf, wenn ein ursprüngliches kurzes /a/ vor ein vokalisiertes /r/ tritt. Das heißt, wenn <ąą> auftritt, es ist immer ein kurzes <a> mit anschließendem vokalisierten <r>, das /aː/ ausgesprochen wird. Wenn es silbenfinal auftritt und eine vokalinitiale Endung herantritt, wird hieraus wieder <ar(r)>. Somit sind <ąą> und <ar(r)> als Allographe und Allophone anzusehen. Ein vokalisiertes /r/ nach <åå> wird <a> geschrieben, und bei Vokalanschluss wird es zu <r>.
„Bart“ <bąąt> /baːtʰ/
„(er) bat“ <bååt> /bɑːtʰ/

Bei Flexion verhält es sich so:
„harren“ <hąąn> /haːn/, nur im eventuell gebrauchten Konjunktiv, zum Beispiel, würde eine vokalinitiale Endung heran- und das /r/ zutagetreten.
<hąąn> –> (ich) <harrę> (Nach kurzem Vokal steht ein Doppelkonsonant, wenn ein Vokal folgt.)
„Haar“ <hååą> –> „Haare“ <håårę>

2. (e) Wir müssen hier verschiedene Konzepte von /e/s unterscheiden, die in Vokale – Aussprache erklärt wurden:

Ein <e> steht immer für ein Schwa.
Ein <ę> steht für den Reflex eines Schwas, das aber als kurzes, halblanges oder langes (dann <ęę>) /e~eː/ realisiert wird. Tritt es in einem Wort in unbetonte Stellung, wird aus ihm oft ein Schwa, womit das Ogonek-Reflex-Zeichen verschwindet, meist sogar das ganze Zeichen oder es wird ein Mittelpunkt <·> bei konsonantischen Silben geschrieben:
„Woche“ <vochę> /vɔxe/, „Wochenende“ <voch·nännę> /vɔxn̩ɛne/
Ein <į> steht für das /e/, das dem deutschen kurzen /ɪ/ entspricht: „nicht“ <nįch> /neˑç/, „ich“ <įch> /eˑç/, „Mitte“ <mįddę> /meɾe/. Hierauf kann verzichtet werden und je nach Missingsch-Dialekt auch <ę> genutzt werden.
Ein <ęę> steht immer für ein /eː/: „Weg“ <vęęch> /veːç/. Viele Sprecher diphthongieren es in manchen Wörtern.
Ein <ä> steht immer für das kurze /ɛ/: „kennen“ <kän·n> /kɛnn̩/
Ein <ää> steht immer ein /ɛː/, das kein /r/-Reflex ist aber von den meisten Missingschsprechern als /ɛː/ realisiert wird. Es wird von anderen Sprechern auch als /eː/ realisiert, nur ganz selten als /ɛɪ̯/. Daher wird „Seele“ <sęęlę> /seːle/ von „Säle“ <säälę> /sɛːle~seːle/ unterschieden.
Ein <ey> hingegen steht immer für ein /ɛɪ̯/, das (fast) nie als Monophthong vorkommt (vor allem in niederdt. Wörtern oder s. u. /l/-Vokalisierung): „Fliege“ (nds. Fleeg) <fleych> /flɛɪ̯ç/.
Ein <ą> steht hingegen für den /r/-Reflex, wenn ein /r/ nach einem Vokal außer /e/ käme. Seine Aussprache entspricht [æ] in den meisten Fällen.
Ein <æ>, als Graphem, entspricht ebenfalls einem /r/-Reflex, allerdings immer der deutschen Entsprechung eines <er>. Daher entspricht er auch den Affixen „ver-“ <fæ->, „er-“ <æ-> und „-er“ <-æ>. Dieses Graphem hat den Allographen <-ær>, wenn eine vokalinitiale Endung herantritt.
Ein <äa> kommt vor als Assimilation von /ɛæ/ <er> innerhalb eines Stammes und wird von einigen Sprechern als /ɛː/ realisiert: „Herz“ <häats> /hɛːt͡s/ und hat die allophone Aussprache /ɛɐ/ bei manchen Sprechern. Wird an <äa> eine Endung herangehängt und ein /r/ gelangt an die Oberfläche, wird aus dem <äa> ein <är> –> „zerren“ <szäan> aber „(ich) zerre [Konj.]“ <szärrę>.

3. Bei den /o/-Qualitäten müssen wir keine verschiedenen Grapheme unterscheiden.
Es reicht das <o> in kurzer Form für /ɔ/: „Kopf“ <kop> /kʰɔp/
Das <oo> steht für ein langes /oː/, das auch sprecherabhängig diphthongisiert werden kann: „doof“ <doof> /doːf~dɔʊ̯f/.
Und da es einen phonematischen Reflex haben kann, dient hierzu <ǫǫ>, wenn kurzes /ɔ/ mit folgendem vokalisierten /r/ zu /ɔː/ assimiliert: „Dorf“ <dǫǫf> /dɔːf/, es kann auch dipthongisch sein /dɔɐf/.

4. Bei dem Minimalpaar „mich“ vs. „Milch“ muss kein Reflex für das /l/ angegeben werden, da es nie zutage tritt. In allen anderen Vokalkonstellation, wird es als <j>, s. „welch“ <vejch>, wiedergegeben, hier wird aber der i-Reflex gelängt, daher: <męch> vs. <męęch>. Zur Deutlichmachung kann aber genauso <męjch> geschrieben werden.

5. Kurzes /i/ wird einfach <i> geschrieben, jedoch meist zu <ę> /e/, und langes /i/ wird einfach <ii> geschrieben. Somit wird „Mitte“ <męddę/mįddę> /meɾe/ von „Miete“ <miidę> /miːde/ unterschieden.

6.+7.+8. Kurzes und langes /ü, u, ö/ werden durch Einfach und Doppelschreibung unterschieden:
<ü, üü> „Fülle“ <füllę> /fʏ̞le/ und „(ich) fühle“ <füülę> /fyːle/
<u, uu> „Busse“ <buszę> /bʊse/ und „Buße“ <buuszę> /buːse/
<ö, öö> „Hölle“ <höllę> /hœle/ und „Höhle“ <höölę> /høːle/
(Man sieht hier auch gut, dass in intervokalischer Stellung ein Doppelkonsonant ebenfalls die Kürze eines vorigen Vokals wiedergibt.)

9. Die mikrophonematischen Unterschiede zwischen mono- und diphthongischen /øː/~/œʏ̯/ und /eː/~/ɛɪ̯/ im Niederdeutsch-Substrat spielen keine Rolle in der Schreibung. Langes <öö> kann daher entweder /øː/ oder /œʏ̯/ gesprochen werden, nur bei vokalisiertem /l/ wird <öj> geschrieben „bölken“ <böjk·ñ>, da es kaum Minimalpaare gibt.

10.+11.+12.+13. Für die vier primären Diphthonge kommen Kombinationen aus zwei Graphemen in Frage:
<Xi> für die vier Diphthonge  /ɑɪ̯/, /ɔɪ̯/, /ɛɪ̯/, die folgendermaßen geschrieben werden: <ai>, <oi> und <ei> – „leise“ <laisę>, „Läuse“ <loisę> und „hey“ <hei>.
<Xu> für den Diphthonge /aʊ̯/, der dann <au> geschrieben wird: „Haus“ <haus>. Zu beachten gilt, dass das <a> in <ai> ein /ɑ/ ist und in <au> ein /a/.

Die sekundären Diphthonge aus /l/-Vokalisierung werden nach ähnlichem Prinzip mit <Xj> geschrieben, da hier das /l/ zutage treten kann, bei den Dialekten, die im Wortauslaut das /l/ vokalisieren. Es wird der vorstehende Vokal genommen und ein <j> dahintergestellt. Bei der Aussprache ist daraus zu achten, dass es kein /j/ ist, sondern ein [ə~ɘ​]. Das heißt, immer wenn ein <j> nach einem Vokal und am Ende eines Wortes steht, entspricht es diesem Vokal, anderswo einem /j/, wenn eine vokalinitiale Endung herantritt, wird es zum <l> /l/.
<aj> „Balg“ <bajch> /baɪ̯ç/, „all“ <ååj>
<ej> „welch“ <vejch> /vɛɪ̯ç/
<uj> „Pulk“ <pujk> /pʰʊɪk/
<öj> „(er) bölkt“ <böjk> /bœɪk/