Vokale – Aussprache

Das Problem beim Missingsch ist seine Heterogenität, da verschiedene Sprecher auch auf verschiedene Weise versuchten, ihre fehlende Sprachkompetenz des Deutschen zu kompensieren. Das heißt zum einen, dass oftmals viele Wörter durch die Schrift hyperkorrigiert wurden, ein langes <äh> wird zum Beispiel von manchen Sprechern tatsächlich als /ɛː/ produziert, obwohl dieser Laut an dieser Stelle in Norddeutschland ein /eː/ wäre. Außerdem werden von Sprechern auf unterschiedliche Weise Regeln generalisiert, um auch in unbekannten Fällen die Aussprache von bekannten Fällen heraus abzuleiten. Hinzu kommen die unterschiedlichen Niederdeutschdialekte, die bei den Sprechern auf verschiedene Weise Eingang gefunden haben in der Aussprache des Deutschen.
Die Aussprache und Orthographie, die hier wiedergegeben wird, kommt in etwa dem Missingsch nahe, das in Nordniedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein entstanden sein kann. Einflüsse wie etwa aus dem Ostfriesischen, West- und Ostfälischen und Ostniederdeutschen sind weitesgehend außer acht gelassen worden, ebenso wie Aussprachveränderungen bedingt durch deutschen Sprachkontakt, die sich mittlerweile bei jungen Sprechern ergeben haben, wie deutsches /ʁ/ statt /r/ oder die Cluster /ʃt/ und /ʃp/ statt /st/ und /sp/.

Ausgehend von dieser Basis können wir in etwa XXX phonematische Vokale und Dipthonge unterscheiden. Je nach Sprecher, Herkunft und Missingsch-Genese kann sich dies aber auch um plus minus 5 Phoneme ändern. Während im Deutschen die Vokallänge als sekundär angesehen werden kann, da sie nur bei den ‚vollen‘ Vokalen in betonter Silbe stattfindet, ist dies nicht eins zu eins auf Missingsch zu übertragen, da hier mindestens drei Vokalpaare in betonter Stellung stehen können und sich in Länge aber nicht in Qualität unterscheiden können. Das Phänomen des Schleiftones, auch Überlänge, zählt hier nicht zu, da sich dadurch kaum Bedeutungsunterschiede machen lassen und es im Grunde nur stellungsabhängig ist.

Im Folgenden werden erst einmal Minimalpaare vorgestellt, um davon ausgehend auf den Phonemstatus einzelner Phone zu sprechen zu kommen und deren genaue Aussprache. Es werden die deutschen Wörter als Referenz für die Missingsch-Minimalpaare gegeben, plus der Missingsch-Transkribierung.

Monophtonge

1. /a/ vs. /aː/ vs. /ɑː/ | Bad, Bart, (er) bat | [batʰ, baːtʰ, bɑːtʰ]
Anders als im Deutschen, wo das <a> zwar als /a/ transkribiert wird, ergo als Vorderzungenvokal, obwohl es aber ein mittlerer Vokal ist, für den meist ein IPA-Zeichen fehlt ([ä] für Zentralisierung), handelt es sich im Missingsch, wie im Niederdeutschen, um einen wirklichen Vorderzungenvokal, dessen genaue Aussprache zwischen [a] und [a̝] liegt. Wenn der Vokal vor einem ursprünglichen /r/ steht, wird dessen silbenfinale Aussprache als /ɐ/ an das /a/ assimiliert, wodurch ein langes /aː/ entsteht. An anderer Stelle steht wie im Niederdeutschen ein langes /ɑː/. Da kein Oberflächen-/r/ vorliegt und in den meisten Stämmen auch durch Deklination oder Konjugation nie vorliegen wird, kann man hier von einer Phonologisierung des /aː/s sprechen.

2. /ɛ/ vs. /ɛː/ vs. /e/ vs. /eː/ vs. /ɛɪ̯/ | weg, Werg, (er) wich, Weg, welch | [vɛç, vɛːç, veç, veːç, vɛɪ̯ç]
Anders als im Deutschen, wo ein kurzes <e> in betonter Stellung immer als /ɛ/ wiedergegeben wird, wodurch die Längung sekundär wird, findet sich hier ein Sextett von ‚e‘-Qualitäten, wo die Qualität keine Auswirkung auf die Quanität des <e>s hat. Auch das Minimaltriplett „Flechte, (ich) pflichte, (ich) pflegte“ (/flɛçte, fleçte, fleːçte/) lässt sich hier ansetzen, sowie das Minimalpaar „(ich) hetz, Herz“ (/[hɛt͡s, hɛːt͡s]/), das /ɛː/ deutlicher macht, da „Werg“ für die Arbeitsfaser kein häufiges Wort ist. /ɛː/ ist durch die Assimilation von /ɛɛ~eæ/ entstanden, wenn ein ursprüngliches /r/ silbenfinal steht. Genauso wie in „welch“ silbenfinales /l/ vokalisiert wird.
Viele Sprecher übergeneralisieren aber auch das orthographische Bild des Deutschen, wodurch ebenso Minimalpaare entstehene wie zwischen <Seele> und <Säle>, was sie durch unterschiedliche /e/-Qualität unterscheiden: /zeːle/ vs. /zɛːle/.

3. /ɔ/ vs. /ɔː/ vs. /oː/ | Kopp, Korb | offen, Ofen | Dorf, doof |  [kʰɔp, kʰɔːp] [ɔfn̩, oːfn̩] [dɔːf, doːf]
Auch hier gibt es ein Triplett aus /o/-Vokalen. Das kurze /o/ entspricht dem deutschen und niederdeutschen /ɔ/. Es gibt allerdings einmal eine lange Variante hiervon, wenn dem kurzen /o/ ein silbenfinales /r/ folgt, sowie das geschlossene lange /o/, wie im Deutschen und Niederdeutschen.
Viele Sprecher benutzen für das lange /o/ in den meisten Kontexten allerdings den Diphthong /ɔʊ̯/, ohne dass sie hierdurch Bedeutung unterscheiden.

4. /e~ɪ̞/ vs. /eː~ɪ̞ː/ | mich, Milch | [meç~mɪ̞ç, meːç~mɪ̞ːç]
Die genaue Aussprache des deutschen, kurzen /i/s ist leicht unterschiedlich im Missingsch, nördlichere Sprecher tendieren es, wie in 2. gesehen, sehr gespannt und halbgeschlossen /e/ zu sprechen, bei anderen liegt es eher im Bereich /ɪ~ɪ̞/, wobei letztere Variante kaum vom /e/ zu unterscheiden ist. Für das hier behandelte Missingsch wird von /e/ ausgegangen. Durch die Vokalisierung eines silbenfinalen /l/s ergibt sich die Längung eines vorstehenden, ähnlichen Vokals. Das heißt, dass auch hier kein qualitativer Unterschied bei verschiedener Länge vorliegt.

5. /e~ɪ̞/ vs. /iː/ | Mitte, Miete  | [meɾe~mɪ̞ɾe, miːɾe]
Hier sieht man, dass sich allerdings ursprünglich deutsches kurzes und langes /i/ in ihrer Qualität unterscheiden. Wie oben bereits beschrieben, gehen wir von /e/ als Grundform des kurzen /i/s aus. /e~ɪ̞/ sind oft komplementär verteilt, wo in der betonten Silbe ein kurzes <i> zu /e/ wird und in unbetonter Silbe innerhalb eines Wortes ein /ɪ̞/ wird.

6. /ʏ̞/ vs. /yː/ | Fülle, (ich) fühle | [fʏ̞le, fyːle]
Das ursprünglich deutsche, kurze /ü/ ist im Missingsch, wie im Niederdeutschen, nahezu halbgeschlossen, wie das kurze /i/ von oben auch, und kommt bei einigen Sprechern vielleicht sogar dem /ø/ nahe. Bei unserer Transkription belassen wir es bei /ʏ/ und meinen damit /ʏ̞~ø/. Es steht in Opposition zu dem langen /ü/, dessen Qualität anders ist.

7. /ʊ/ vs. /uː/ | Busse, Buße | [bʊse, buːse]
Hier entspricht der Unterschied auch in etwa dem Niederdeutschen. Das kurze /u/ ist etwas offener und gespannter als im Deutschen, daher wäre die genaue Wiedergabe wohl [ʊ̞], wir belassen es aber der Einfachkeit halber bei dem Zeichen /ʊ/.

8. /œ/ vs. /øː/ | Hölle, Höhle | [hœle, høːle]
Der Unterschied zwischen kurzem und langem /ö/ ist in etwa vergleichbar mit dem Niederdeutschen un Deutschen.

Diphthonge

Es gibt eine Vielzahl von Diphthongen im Missingsch, die alle unterschiedliche Status haben im Bezug auf deren phonologische Funktion. Einmal können wir die Allophonie erwähnen, wie im Paar #6. Bei nahezu gleichlautenden Wörter zwischen Deutsch und Niederdeutsch oder auch bei Wörtern mit ursprünglicher niederdeutscher Herkunft wird bei der Entscheidung op Mono- oder Diphthong oft die niederdeutsche Lautung beibelassen, zum Beispiel wird „Boot“ häufiger /bɔʊ̯t/ ausgesprochen, da es sowohl ein ursprünglich niederdeutsches Wort ist als auch im Niederdeutschen in eben dieser Lautung vorkommt. Das heißt, auf Kognaten, die sehr ähnlich sind, wird in erster Linie die originale niederdeutsche Lautung projiziert. Dadurch können sich aber auch Phoneme ergeben, die erst durch das niederdeutsche Substrat diesen Status erlangen, ansonsten aber allophon sind, wie im Paar #8 zu sehen. Dann gibt es auch noch Diphthonge, die eindeutig einen phonematischen Status haben, und derer gibt es mehr als im Deutschen. Dann gibt es noch spontane Diphthonge, beispielsweise, wenn Vokale vor vokalisiertem /r/ oder /l/ treten. Diese werden hier ebenfalls als reale Diphthtonge behandelt, da deren Aussprache und Länge denen von realen Diphthtongen entsprechen.

9. /ø/~/œʏ̯/ und /eː/~/ɛɪ̯ / (Allophone vs. Phoneme)
Bei vielen Sprechern liegt im Grunde Allophonie vor, wenn sie bei der Aussprache der ursprünglichen deutschen langen /e/s und /ø/s die Diphthonge benutzen. Dies ist allerdings stark sprecherabhängig und selbst dann schlecht systematisch, da oft ohne äußeren Grund gewechselt wird. Außer vor einem /r/, da wird von den meisten Sprechern stets die monophthonge Variante bevorzugt. So kann obiges Minimalpaar zwischen „Weg“ und „welch“ durch die Diphthongisierung des ersteren neutralisiert werden.
Zu beachten ist allerdings, dass diese Mono- und Diphthongpaare in den Wörtern des niederdeutschen Substrats im Missingsch dennoch Phonemstatus haben, da deren bedeutungsunterscheidende Funktion von vielen/den meisten Sprechern übernommen wird. So würden „Köter“ /køːtɐ/ für „Kätner“ und „Köter“ /kœʏtɐ/ für „Hund“ durch den Vokal unterschieden. Das betrifft auch Kreuzminimalpaare mit einmal Deutschsubstrat und einmal Niederdeutschsubstrat: „Fleeg“ ist niederdeutsch für „Fliege“ und wird oft für solches benutzt und hat einen Diphthong, wohingegen das deutsche „(ich) pfleg“ einen Monophthong und somit einen Bedeutungsunterschied hat, der nur bei manchen Sprechern durch die Diphthongisierung neutralisiert wird.

10. /ɑɪ̯/ vs. /ɔɪ̯/ | leise, Läuse | [lɑɪ̯ze, lɔɪ̯ze]
Hier sieht man wie im Deutschen und Niederdeutschen den phonematischen Unterschied zwischen diesen Diphthongen, die Aussprache ist allerdings dem Niederdeutschen ähnlicher: [ɑ̝ɪ̞̯] und [ɔ̝ɪ̞].

11. /œʏ̯/ vs. /ɛɪ̯/ | böse, Beest | [bœʏ̯s, bɛɪ̯s]
Wie oben dargestellt, gibt es durchaus Wörter mit ursprünglich langem /e/ und /ö/, deren Diphthongisierung eher obligatorisch denn fakultativ ist. Diese können auch als Minimalpaar dargestellt werden.

12. /aʊ̯/ vs. /ɔʊ̯/ | Laus, los | [laʊ̯s, lɔʊ̯s]
Hier sieht man wie im niederdeutschen ebenfalls einen phonematischen Unterschied. langes /o/ wird, wie oben beschrieben, in deutschen Wörtern oft allophon mono- oder diphthong gesprochen, in niederdeutschen Substratwörtern, oder Wörtern, die im Niederdeutschen eine gleiche/ähnliche Form haben, an dessen Lautung, und dann diphthong, angepasst. Dadurch ergibt sich auch hier ein Minimalpaar.

Vokalisierte Konsonanten

Vor allem zwei Konsonanten werden in silbenfinaler Stellung vokalisiert, dies sind einmal /l/ und /r/. Je nach Kontext ergeben sich verschiedene Laute, wie oben beschrieben, können Längungen oder Diphthonge bei vokalisiertem /l/ auftreten, genauso wie eine Längung bei vokalisiertem /r/ auftreten kann.

Wenn ein silbenfinales /l/ vor einem Velar steht /ç, k/, wird es zum Vokal /ɪ̞~e/. Steht davor ebenfalls ein /ɪ̞~e/, tritt dieses gelängt auf, wie bei „Milch“ /meːç~mɪ̞ːç/. Mit allen anderen Vokalen entstehen sekundäre Diphthonge, so klingen „solche“ und „Seuche“ /zɔɪ̯çe/, „welch“ und (nds.) „Weeg“ /vɛɪ̯ç/ gleich. Aus „Balken“ wird /baɪ̯ʔŋ̩/, aus „Pulk“ wird /pʰʊɪ̯k/, aus „(er) bölkt“ wird /bœɪ̯k/ und aus „Gebälk“ wird /gebɛɪ̯k/. Dadurch, dass es nie in den Anlaut rutschen kann, wird aus dem Vokal nie ein volles /l/.

/l/ kann ausfallen oder als vokal: Paulun S.91 zuhfi (zuviel), S. 86 Thema l-vokal
DA ABER DOCH AN OBERFLÄCHE. Vielleicht /j/ schreiben als Reflex??

13. /aɪ̯/ vs. /ɑɪ̯/ | Balg, (er) beicht | [baɪ̯ç, bɑɪ̯ç]
Exemplarisch wird hier dieses Minimalpaar angegeben. Es unterscheiden sich auch zwei <ai> Diphthtonge phonematisch. Für alle anderen l-Diphthonge muss ebenfalls phonematischer Status angenommen werden.

Ein silbenfinales /r/ wird grundsätzlich immer ein Vokal. Hierbei ist zum einen zu beachten, dass er einerseits mit einem vorigen Vokal zu einem langen Vokal assimilieren kann, dass er je nach vorigem Vokal eine andere Lautung haben kann und beide dann einen Diphthtong bilden und dass er bei Beugung in den Anlaut wandern kann, wodurch dann ein volles /r/ herantritt.

Wie oben gesehen liegt Assimilation vor bei:
/a/ > <ar> /aː/ | Karte | [kaːde]
/ɔ/ > <or> /ɔː/ | Dorf | [dɔːf]
/ɛ/ > <er/är> /ɛː~æː/ | März | [mɛːt͡s], nebst [mɛɐt͡s] (Wir schreiben /ɛː/, auch wenn der Laut wohl zwischen /ɛ̞ː~æː/ liegt.)

Wenn ein langer Vokal davor steht, kann man eher von zwei Segmenten ausgehen, bei dem die erste Silbe offen ist und das <r> oder <er> eine eigene Silbe darstellt. (Aber auch nicht immer: Lieber doch Diphthtong mit langvokal? Gibts ja auch bei Schleifton)

Wenn ein anderer, kurzer Vokal davor steht, entsteht ein Diphthong, bei dem das /r/ meist die Qualität /æ/ annimmt:
<ahr> /ɑːɐ/ im Auslaut, vor Konsonant: /ɑːː/, <ar> /aː/ (s. o.)
<ehr> /eːæ/, <er> /ɛː/, nebst /ɛæ/ wenn Konsonant folgt, sonst /ɛæ/ (s. o.), (nicht gemeint ist die Endung <-er>, s. u.)
<ihr> /iːæ/, <ir> /eæ/
<ohr> /oːæ/, <or> /ɔː/ wenn Konsonant folgt (s. o.), sonst /ɔæ/
<uhr> /uːæ/, <ur> /ʊæ/
<ühr> /yːæ/, <ür> /ʏæ/
<öhr> /øːæ/, <ör> /œæ/

Wenn die Endung das Morphem <er> ist, gibt es zwei Fälle:
1. Verbalpräfix <er-> oder <ver->
Dann ist es ein unbetontes, kurzes bis halblanges /æˑ/ | erzählen, verkaufen | [æˑt͡seːln̩, fæˑkʰaʊ̯fn̩]. Bei deutlicher oder langsamer Aussprache ergibt sich ein /ɛæ/.
2. Suffix <-er>
Hierbei gibt es zwei Generalisierungen, einerseits wird von vielen Sprechern ein auslautendes, ursprüngliches Schwa als volles /e/ gesprochen, bei solchen Sprechern ergäbe sich ein /eæ~eɜ/, ansonsten wird in unbetonter Stellung ebenfalls /ɜˑ~æˑ/ angesetzt | Verkäufer | [fæˑkʰɔɪfeɜ ~fæˑkʰɔɪfɜˑ]. Ein Unterschied zwischen /ɜˑ~æˑ/ ist schlecht hörbar und wechselt stark von Sprecher zu Sprecher, daher setzen wir allgemein /ɜˑ/ an, wenn ein <-er> in unbetonter Silbe steht. Wird sie etwas mehr betont oder deutlicher ausgesprochen, entsteht eher ein /eæ/.

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn ein ein vokalisiertes /r/ wieder in den Anlaut tritt, zum Beispiel, wenn eine Endung an das Wort kommt. Dann wird meistens der Vokal beibehalten und ein /r/ angefügt:
<Bier> /biːæ/ –> <Biere> /biːære/
<vier> /fiːæ/ –> <Vierer> /fiːærɜˑ/

Lehnwörterphoneme

Missingsch-Sprecher verhalten sich überraschend anders in phonologischer Hinsicht, wenn es um Lehnwörter geht, die nicht deutsch sind. Dies betrifft ebenso Konsonanten, daher siehe auch da. Der genaue Ursprung mancher Generalisierungen bei der Aussprache von Fremdwörter ist nicht ganz klar. Vielleicht wird eine typisch deutsche Aussprache auf die Fremdwörter projiziert. Auffällig ist zum Beispiel, dass eine sonstige Diphthongisierung des <e, o, ö>s ausbleibt, sogar wenn sie im Fremdwort vorkäme: <Date> hat die eingedeutsche Aussprache /dɛɪ̯t/, im Missingsch wird sie aber bewusst /deːt/ ausgesprochen. Ebenso wird bei französischen Entlehnungen der Nasalvokal bewusst als Nasalkonsonant gesprochen: <Balkon> ist im Deutschen /balkõː/, im Missingsch, wie Niederdeutschen, allerdings <Balkong> /balkɔŋ/.

Nasalisierung

Das sagt aber nicht, dass Missingsch keine Nasalvokale hätte. Denn Vokale werden zu einem gewissen Maße nasalisiert, wenn ihnen ein Nasal in silbenfinaler Stellung folgt. Dies ist allerdings kein phonologischer Prozess, der bedeutungsunterscheidend wäre, sondern ein phonetisches Phänomen, da es immer im gleichen Kontext stattfindet. Das gleiche Phänomen findet sich auch in manchen niederdeutsch Dialekten, daher wird die Nasalisierung im Missingsch mit den Dialekten decken, die dasselbe Phänomen haben.
<Kind> wird /kʰẽnt/ ausgesprochen.
<Kööm> wird /kʰø̃m/ ausgesprochen.
<lang> wird /lãˑŋ/ ausgesprochen.
<(er) kommt> wird /kɔ̃m/ ausgesprochen.

Vokallängen

Oben sind bei den Vokalen die phonematischen Längen bereits vorgestellt worden. Sie unterscheiden Bedeutung und daher sind kurze und lange Vokale Phoneme. Anders als im Deutschen, wo bei quasi allen Vokalen die Länge sekundär ist und mit der Aussprache des vollen Vokals korrespondiert, ist dies, wie oben gesehen, im Missingsch nicht immer der Fall, da es oft Dreier-Paare gibt von kurzen und langen Vokalen, die sich entweder in Qualität unterscheiden oder nicht. Diese Längenunterscheidung ist bedeutungsunterscheidend im Missingsch. Hinzu kommen aber noch einige andere Längungsphänomene, die zwar nicht die Bedeutung unterscheiden, aber dennoch erwähnenswert und typisch Missingsch sowie Niederdeutsch sind.

Zum einen ist dies die Halblängung der kurzen Vokale vor Sonoranten. Sonoranten sind Vokale, Nasale /m, n, ŋ/, Liquide /l/, Vibranten /r/ und der Apprixomant /j/. So wird <Ball> /baˑl/ ausgesprochen, <Kind> erhält ebenfalls eine Halblänge /kʰɪ̃ˑnt/ als auch <auch> /ʔaˑʊx/ und <Land> /lãˑnt/. Wie man sieht ist ein Längenunterschied in Diphthongen auch nicht fremd.

Denn auch dort gibt es Überlängen. So werden vor allem offene Silben oft mit eine Überlänge produziert, auch im Diphthong. Ein ursprünglich auslautendes Schwa wird bei deutlicher Aussprache auch gerne nicht nur als /e/ sondern auch als langes /eː/ gesprochen:
<Leute> /loːɪdeː/
<heute> /hoːɪdeː/

Hinzu kommt, dass vor dem silbenfinalen /g/, das als [x] realisiert wird, der Vokal kurz wird, wie im Niederdeutschen aber anders als im Deutschen. So wird aus dem langen <Tag> der /tʰax/ und aus dem langen <Zug> wird der /tsʊx/.